Michael Lauter
Der schwarze Kaiser

Der schwarze Kaiser
Die Lebensgeschichte des Josef Kaiser,
niedergeschrieben und illustriert von Michael Lauter
Format 28 x 21 cm , 164 Seiten, 98 Illustrationen
Verlag regionalkultur
ISBN 978-3-95505-343-7
Josef Kaiser kommt 1921 als Kind eines farbigen französischen Besatzungssoldaten und einer deutschen Mutter in Speyer zur Welt. Er wächst in bitterer Armut auf und wird wegen seiner Hautfarbe ausgegrenzt. Als hervorragender Sportler kämpft er um Anerkennung, scheint beim Zirkus eine neue Heimat zu finden, versucht als Schiffsjunge vor den Nazis zu fliehen, die ihn zwangssterilisieren wollen …
Michael Lauter ist den Spuren Josef Kaisers sorgfältig nachgegangen und erzählt sein Leben mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen und lebendigen Illustrationen, die den Leser unmittelbar ins Geschehen hineinversetzen. Spannend und ungemein berührend ist diese Lebensgeschichte und angesichts eines wieder aufkeimenden Rassismus’ von bedrückender Aktualität.
Hans-Jürgen Herschel
Leseproben

aus Der schwarze Kaiser
Illustration von Michael Lauter
Immer wenn das „Pefferminzbähnel“ längs der Barackensiedlung zur Endstation gegenüber dem Hauptbahnhof zuckelt, ist Seppel ganz aufgeregt. Dann will er die dampfende Maschine, den „Feurigen Elias“ mit den vielen Waggons aus nächster Nähe sehen und bevor die Großmutter oder der Dade es bemerken, macht Seppel die Tür der Baracke auf und läuft dem Zug ein Stück hinterher. An Markttagen kommen die Bäuerinnen aus Harthausen und Dudenhofen mit ihren „Marktscheese“ voller Kartoffeln und Gemüse nach Speyer. Ein kurzer Schlenker an der Barackenkolonie vorbei ist für die auf die Rückfahrt mit dem „Pefferminzbähnel“ wartenden Landfrauen immer ein prickelndes Erlebnis. Mit gaffenden Blicken beobachten sie, wie auf engstem Raum Obdachlose, Fürsorgeempfänger und städtische Randgruppen mit ihren teilweise großen Familien untergebracht sind, stupsen sich gegenseitig an, zeigen mit den Fingern auf die armseligen Hütten und rümpfen angesichts der hygienischen Verhältnisse ihre Nasen. Einmal ertönt aus der Gruppe der Landfrauen der Ruf: „Do isser, de Schwazz“ – da schießt seine Großmutter, die dicke „Kaisers Giedel“, aus der Baracke, reißt voller Zorn ihrem Seppel die Hosen runter, streckt seinen nackten Hintern den Marktweibern entgegen und schreit:
„Jetzt könnt ihr ihn am Arsch lecke, bis er weiß is!“ …

aus Der schwarze Kaiser
Illustration von Michael Lauter
Im April 1926 heiratet Maria Kaiser, mittlerweile 23 Jahre alt, Heinrich Laubenstein, der in der nahen Schuhfabrik als ungelernter Arbeiter beschäftigt ist. Es ist für Maria keine Liebesheirat, aber durch die eheliche Verbindung verspricht sie sich für sich und die Kinder Schutz und Sicherheit in ihrer schwierigen Situation.
Die Hochzeit wird bescheiden in der Baracke gefeiert, mit Marias Eltern und den Trauzeugen. Heinrichs Eltern kommen nicht. Sie leben zwar auch in der Barackenkolonie, aber sie sind gegen die Heirat ihres Sohnes mit der ledigen Mutter von zwei farbigen Besatzungskindern, die zudem zwei Jahre älter ist als ihr Sohn. Maria hat sich ein Kleid mit modisch tief sitzender Taille genäht, Heinrich einen guten Anzug geliehen. Die neuen Schuhe konnte er in der Fabrik organisieren. Marias Bruder Hermann, dessen Frau Lisbeth als Trauzeugin eingeladen ist, hat als Geschenk sogar einen Fotografen besorgt, der das frischgebackene Ehepaar vor der Baracke ablichtet.
Jetzt wird alles besser, davon ist Maria nach der Hochzeit überzeugt. Ich bin jetzt nicht mehr die ledige Mutter mit zwei unehelichen Kindern. Und Seppel und Susi haben jetzt einen Vater, der für sie sorgt und sie auch in Schutz nehmen kann. Wenn der Heinrich mit mir erst eigene Kinder hat und wir aus der Baracke kommen, werden wir eine richtige Familie sein…
Auch Marias Cousine Anna hat große Schwierigkeiten, für ihre farbigen Kinder zu sorgen. Ihr Mann verdient als Schuhmacher nur wenig und zusammen mit ihrem Lohn in der Fabrik reicht es gerade, um die Familie durchzubringen. Belastender findet es Anna, dass die Nachbarschaft ihre Kinder Peter und Helene nicht akzeptiert. Manchmal klagt sie Maria ihr Leid. Ständig gebe es Streitereien mit anderen Kindern in der Herdstraße. Hundertmal habe sie ihrem Peter schon gesagt, dass er einfach weghören solle, wenn sie hinter ihm herrufen: Neger, Neger, Schornsteinfeger! Wenn die Nachbarskinder riefen: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? und die Kinder dann im Chor brüllten: Niemand! – dann bekomme er einen regelrechten Tobsuchtsanfall. Peter sei einfach zu jähzornig und raste dann aus, prügle sich selbst mit größeren Buben und die aufgebrachten Mütter kämen dann hinterher zu ihr, um ihr die blutenden Köpfe und die zerrissenen Kleider zu zeigen. Wenn sie dann sage, dass ihre Kinder doch nicht angefangen hätten und sicherlich zuerst geärgert worden seien, heiße es: Ihre schwarzen Bastarde gehörten nicht auf die Straße, sondern in den Zoo, da wären sie besser aufgehoben! Sie lasse deshalb ihre Kinder fast gar nicht mehr auf die Straße, jedes Mal gebe es Ärger….

aus Der schwarze Kaiser
Illustration von Michael Lauter
Zum Hintergrund

Josef Kaiser als Akrobat beim Zirkusunternehmen Stey Anfang der 30er Jahre


Ich wollte mich schon von der alten Dame verabschieden, als ich im Flur an der Wand eine leicht vergilbte Fotografie bemerkte, die mein Interesse erregte: Zwei Jungen, vielleicht zehn und zwölf Jahre alt, bekleidet mit Gewändern, die wohl an die Kleidung römischer Gladiatoren erinnern soll, hohe Schaftsandalen und einem römischen Gruß, der dem „deutschen Gruß“ sehr ähnlich sieht. „Das“, sagte die alte Dame und zeigte auf den dunkelhäutigen Jungen, „das war mein Mann Josef!“
In dieser Corona-Zeit haben wir viele Stunden telefoniert und intensive Gespräche geführt, Fotografien und Dokumente studiert und ich konnte mit Hilfe von Archivmaterial und Gestapounterlagen sehr detailliert den Lebensweg von Josef Kaiser rekonstruieren und bebildern.
Geboren wurde Josef 1921 in Speyer als Sohn der ledigen Maria Kaiser. Der Vater war ein farbiger Besatzungssoldat, der einer französischen Kolonialtruppe aus Madagaskar angehörte, die in der Speyerer Kaserne ab 1920 stationiert war.
Seinen Vater hatte Josef nie kennen gelernt, nur seine Fotografie in der Uniform eines französischen Offiziers hatte er sich immer wieder betrachtet. Nach einem Jahr bekam seine Mutter Maria ein weiteres Kind. Das Mädchen war ebenfalls dunkelhäutig: ein doppelter Skandal in Speyer in einer politisch aufgeheizten Zeit, in der die französischen Besatzung unter Einsatz der farbigen Kolonialtruppen als „Schwarze Schande“ im gesamten Rheinland, aber auch deutschlandweit in der Presse gebrandmarkt wurden.
Es war eine schwere Kindheit, die Josef und Susanne mit der Mutter und deren Familie unter ärmlichsten Bedingungen in einer Barackenkolonie in den 20er und 30er Jahren durchlebten. Die Ausgrenzung war ständig präsent: Schwarz und bitterarm, dieses Leben war kein einfaches Los. Auch wenn man die Kleinen in der Familie und im Umfeld liebte und akzeptierte, so stießen sie außerhalb der Familie auf große Ablehnung. Für sehr viele Bürger im aufkommenden Nationalsozialismus waren die beiden farbigen Kinder ein Indiz für die „Bedrohung der eigenen Art, der eigenen Rasse“.
Es war ein offener Rassismus, der in weiten Teilen der Bevölkerung des gesamten Reiches verbreitet war. Der Rassismus war zum Teil auch politisch motiviert und sollte im besetzten Gebiet die Distanz der Rheinländer gegenüber Frankreich weiter fördern. Der weißen Weltöffentlichkeit sollte zudem die Besatzung durch Kolonialtruppen als eine der deutschen Kulturnation unwürdige Demütigung demonstriert werden.
Die weitere Lebensgeschichte von Josef Kaiser ist vor diesem Hintergrund aufregend, spannend, sehr traurig und erschütternd zugleich. Während Josef noch die Schule besucht, gelang es ihm, zum Schweizer Zirkusunternehmen Stey zu kommen, die familiär verbunden ist mit dem „Zirkus Knie“ und auch mit der bekannten Artistenfamilie Traber. Schon im Jahr zuvor waren die farbigen Geschwister Peter und Helene Falter aus Speyer engagiert worden. Ihre Mutter Anna und seine Mutter Maria waren Cousinen, für die die Karriere ihrer dunkelhäutigen Kinder als Zirkusartisten der einzige Ausweg aus der häuslichen Not und der gesellschaftlichen Ausgrenzung bedeutete.
Josef Kaiser tritt später im Zirkus als Gladiator auf. Ein Absturz beim Hochseil-Training im Zirkus Krone beendet schlagartig seine Akrobaten-Karriere. Die Schule stellt Josef trotz seiner längeren Abwesenheit 1935 ein gutes Abschlusszeugnis aus. Als „Nichtarier“ bekam er aber danach trotz aller Bemühungen keine Lehrstelle, so schickte man ihn letztlich als arbeitslosen Jungarbeiter zum Autobahnbau nach München. Nach einem Arbeitsunfall kam er wieder zurück nach Speyer, wo die Gestapo inzwischen auf Befehl des Führers die „Sterilisierung der Rheinlandbastarde“ vorantrieb, da „diese nun geschlechtsreif werden und eine Gefahr für das deutsche Blut darstellen“.
Als dieses Vorhaben durchsickerte, versuchte Josef mit allen Mitteln, dieser „Unfruchtbarmachung“ zu entkommen. Es gelang ihm, auf einem belgischen Rheinschiff als Schiffsjunge eine Anstellung zu bekommen. Als der Schiffsführer aber herausfand, dass Josef beabsichtigte, auf das französische Ufer zu fliehen, ließ er ihn nicht von Bord und nutzte den Jugendlichen wie einen Sklaven aus. In der Nähe von Speyer gelang der Sprung von Bord. Aber zuhause konnte er unmöglich bleiben, denn da suchten Gesundheitsamt und Gestapo nach ihm, um die „Unfruchtbarmachung“ in die Wege zu leiten. Mit dem Fahrrad fuhr er an die elsässische Grenze und versuchte dort unbemerkt über den Grenzfluss zu gelangen. Nach vergeblichen Versuchen kam er im Grenzdorf Winden bei einem Bauern unter, für den er im Gegenzug arbeitete. Im Herbst 1937 trieb ihn das Heimweh wieder zurück nach Hause, wo er zu seinem Entsetzen von seiner Mutter erfuhr, dass man die Schwester bereits sterilisiert hatte. Die Gestapo fasste ihn schließlich und führte auch ihn der Unfruchtbarmachung zu.
Josef Kaiser war bis zu seinem Tod geprägt durch dieses Ereignis und so werden auch die weitern Lebensabschnitte in diesem reich illustrierten Bildband dargestellt.