Exposé „Der schwarze Kaiser“

Michael Lauter:  Der schwarze Kaiser  

Ich wollte mich schon von der alten Dame verabschieden, als ich im Flur an der Wand eine leicht vergilbte  Fotografie bemerkte, die mein Interesse erregte: Zwei Jungen, vielleicht zehn und zwölf Jahre alt, bekleidet mit Gewändern, die wohl an die Kleidung römischer Gladiatoren erinnern soll, hohe Schaftsandalen und einem römischen Gruß, der dem „deutschen Gruß“ sehr ähnlich sieht.  „Das“, sagte die alte Dame und zeigte auf den dunkelhäutigen Jungen, „das war mein Mann Josef!“

In dieser Corona-Zeit haben wir viele Stunden telefoniert und intensive Gespräche geführt, Fotografien und Dokumente studiert und ich konnte mit Hilfe von Archivmaterial und Gestapounterlagen sehr detailliert den Lebensweg von Josef Kaiser rekonstruieren und bebildern. 

Geboren wurde Josef 1921 in Speyer als Sohn der ledigen Maria Kaiser. Der Vater war ein farbiger Besatzungssoldat, der einer französischen Kolonialtruppe aus Madagaskar angehörte, die in der Speyerer Kaserne ab 1920 stationiert war.  Nach einem Jahr bekam seine Mutter Maria ein weiteres Kind. Das Mädchen war ebenfalls dunkelhäutig: ein doppelter Skandal in Speyer in einer politisch aufgeheizten Zeit, in der die französischen Besatzung unter Einsatz der farbigen Kolonialtruppen als „Schwarze Schande“ im gesamten Rheinland, aber auch deutschlandweit in der Presse gebrandmarkt wurden.

 

Seinen Vater hatte Josef nie kennen gelernt, nur seine Fotografie in der Uniform eines französischen Offiziers hatte er sich immer wieder betrachtet. Es war eine schwere Kindheit, die Josef und Susanne mit der Mutter und deren Familie unter ärmlichsten Bedingungen in einer Barackenkolonie in den 20er und 30er Jahren durchlebten. Die Ausgrenzung war ständig präsent: Schwarz und bitterarm, dieses Leben war kein einfaches Los. Auch wenn man die Kleinen in der Familie und im Umfeld liebte und akzeptierte, so stießen sie außerhalb der Familie auf große Ablehnung. Für sehr viele Bürger im aufkommenden Nationalsozialismus waren die beiden farbigen Kinder ein Indiz für die „Bedrohung der eigenen Art, der eigenen Rasse“. 

Es war ein offener Rassismus, der in weiten Teilen der Bevölkerung des gesamten Reiches verbreitet war. Der Rassismus war zum Teil auch politisch motiviert und sollte im besetzten Gebiet die Distanz der Rheinländer gegenüber Frankreich weiter fördern. Der weißen Weltöffentlichkeit sollte zudem die Besatzung durch Kolonialtruppen als eine der deutschen Kulturnation unwürdige Demütigung demonstriert werden.

Die weitere Lebensgeschichte von Josef Kaiser ist vor diesem Hintergrund aufregend, spannend, sehr traurig und erschütternd zugleich. Während Josef noch die Schule besucht, gelang es ihm, zum Schweizer Zirkusunternehmen Stey zu kommen, die familiär verbunden ist mit dem „Zirkus Knie“ und auch mit der bekannten Artistenfamilie Traber. Schon im Jahr zuvor waren die farbigen Geschwister Peter und Helene Falter aus Speyer engagiert worden. Ihre Mutter Anna und seine Mutter Maria waren Cousinen, für die die Karriere ihrer dunkelhäutigen Kinder als Zirkusartisten der einzige Ausweg aus der häuslichen Not und der gesellschaftlichen Ausgrenzung bedeutete. 

Josef Kaiser tritt später im Zirkus als Gladiator auf.  Ein Absturz beim Hochseil-Training im Zirkus Krone beendet schlagartig seine Akrobaten-Karriere. Die Schule stellt Josef trotz seiner längeren Abwesenheit 1935 ein gutes Abschlusszeugnis aus. Als „Nichtarier“ bekam er aber danach trotz aller Bemühungen keine Lehrstelle, so schickte man ihn letztlich als arbeitslosen Jungarbeiter zum Autobahnbau nach München.  Nach einem Arbeitsunfall kam er wieder zurück nach Speyer, wo die Gestapo inzwischen auf Befehl des Führers die „Sterilisierung der Rheinlandbastarde“ vorantrieb, da „diese nun geschlechtsreif werden und eine Gefahr für das deutsche Blut darstellen“.

 

Als dieses Vorhaben durchsickerte, versuchte Josef mit allen Mitteln, dieser „Unfruchtbarmachung“ zu entkommen. Es gelang ihm, auf einem belgischen Rheinschiff als Schiffsjunge eine Anstellung zu bekommen. Als der Schiffsführer aber herausfand, dass Josef beabsichtigte, auf das französische Ufer zu fliehen, ließ er ihn nicht von Bord und nutzte den Jugendlichen wie einen Sklaven aus. In der Nähe von Speyer gelang der Sprung von Bord. Aber zuhause konnte er unmöglich bleiben, denn da suchten Gesundheitsamt und Gestapo  nach ihm, um die „Unfruchtbarmachung“ in die Wege zu leiten. Mit dem Fahrrad fuhr er an die elsässische Grenze und versuchte dort  unbemerkt über den Grenzfluss zu gelangen. Nach vergeblichen Versuchen kam er im Grenzdorf Winden bei einem Bauern unter, für den er im Gegenzug arbeitete.  Im Herbst 1937 trieb ihn das Heimweh wieder zurück nach Hause, wo er zu seinem Entsetzen von seiner Mutter erfuhr, dass man die Schwester bereits sterilisiert hatte. Die Gestapo fasste ihn schließlich und führte auch ihn der Unfruchtbarmachung zu.

Josef Kaiser war bis zu seinem Tod geprägt durch dieses Ereignis und so werden auch die weitern Lebensabschnitte in diesem reich illustrierten Bildband dargestellt.

Michael Lauter, Juli 2021